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Zeichen setzen für nachhaltige Fashion

Zwei Mal im Jahr öffnet der „Alte Dom“ in Mainz seine Türen für die Kleidertauschparty kleid@night.

Hosen, Röcke, Kleiderbügel und ein reges Gedränge unter einem hohen Kuppeldach. An großen Kleiderständern schieben Gäste Kleidungsstücke hin und her, hängen sie ab und betrachten sie genauer. Eine junge Frau hält ihrer Freundin eine Bluse vor, zieht die Augenbrauen hoch und schüttelt den Kopf. Einige Bügel weiter werden beide fündig. Ein Kleid, ein Rock und zwei T-Shirts finden Gefallen. Mit den Kleidungsstücken gehen sie zur Anprobe. Die Lücken an den Ständern füllen sich schnell. Viele Besucher*innen haben Taschen voller Kleidung dabei, die sie tauschen oder spenden wollen.

Gemeinsam reparieren statt wegwerfen

Seit 2023 lädt Miriam Heil, Referentin für Bildung und gesellschaftliche Verantwortung im Dekanat Mainz, gemeinsam mit der BUNDjugend zweimal im Jahr zur Kleidertauschparty ein. Im Frühjahr während der bundesweiten Fashion Revolution Week, im Herbst während der Fairen Woche. Aber kleid@night ist mehr als nur eine Secondhandbörse. Es gibt auch nachhaltiges Essen von foodsharing Mainz und die mobile Nähwerkstatt des BUND-jugend-Projekts WE CARE AND REPAIR. Dort können Gäste Kleidungsstücke nach dem Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“ gemeinsam mit Profis ändern und reparieren.

Eine Frau mit braunen lockigen Haaren steht in einer Kirche und spricht.Karsten Fink
Initiatorin der Kleidertauschparty ist Miriam Heil. Der Referentin für Bildung und gesellschaftliche Verantwortung im Dekanat Mainz liegt Nachhaltigkeit besonders am Herzen.

„Der Modemarkt wird mit Billigwaren in schlechter Qualität überflutet, die schnell wieder weggeworfen werden. Hergestellt werden sie meist unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen und durch Kinderarbeit«, sagt Heil. „Wir wollen mit kleid@night bewusst einen Kontrapunkt dazu setzen.“ Nach dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch im Jahr 2013, bei dem fast 1.200Menschen ums Leben kamen, gründeten Engagierte die Fashion Revolution Week. „Wir lieben Fashion, aber wir wollen nicht, dass unsere Kleidung Menschen ausbeutet oder unseren Planeten zerstört“, schreibt der Verein auf seiner Website.  

„Ich finde es elementar, zu wissen, woher meine Kleidung stammt und wie sie produziert wurde“, betont Heil. Umso mehr freut sie sich, dass mit rund 600 Personen in diesem Jahr so viele Menschen wie noch nie zu kleid@night gekommen sind. 

„Dass so viele Besucher*innen kommen, ist ein gutes Zeichen. Es gibt viele Menschen, die bewusster leben wollen.“

Miriam Heil

Bewusstsein schaffen für nachhaltige Entscheidungen

Zum ersten Mal beteiligt sich dieses Jahr auch die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. Ruth Preywisch, Leiterin eines Projekts zu nachhaltigem Konsum, beantwortet Fragen und verteilt Informationsmaterial zur schlechten Umweltbilanz der Modeindustrie. „Wie sehr die Fast-Fashion-Textilindustrie die Umwelt schädigt, ist vielen gar nicht bewusst“, sagt Heil. Die Branche belastet nicht nur Böden und Gewässer mit Pestiziden, Giftstoffen und Mikroplastik, auch der Wasserverbrauch und der CO₂-Ausstoß sind enorm. „Das sind jährlich über zwei Milliarden Tonnen CO₂ und damit mehr als alle Flugreisen und Kreuzfahrten zusammen.“

Ein junges Paar, Mann und Frau, lacht sich an während die Frau nach einem Kleidungsstück greift, das auf einem Ständer hängt.Karsten Fink
Jonathan und Julia sind begeisterte kleid@night-Fans und kommen immer wieder gern zur Kleidertauschparty.

Diese Zahlen überraschen sogar Julia und Jonathan, die schon öfter bei kleid@night waren. Aus ökologischen und ethischen Gründen bevorzugen die beiden 28- und 30-Jährigen seit geraumer Zeit Secondhandkleidung. Das, was sie auf der Tauschbörse erfahren, bestärkt sie in ihrem Verhalten. Auch Claudia Höly und Rainer Johann Gross, die im Umland von Mainz zu Hause sind, bemühen sich um eine nachhaltige Lebensweise. Sie haben im Radio von der Aktion erfahren und sind spontan zum Alten Dom gekommen. Kleidung zu tauschen oder weiterzugeben, entspricht ganz ihrem Sinn. Um bereits Kinder für den behutsamen Umgang mit Natur und Umwelt zu gewinnen, haben die Erzieherin und der Musikpädagoge unter anderem Liedertexte geschrieben und dazu Melodien komponiert. „Es ist gut, dass sich Menschen für Nachhaltigkeit einsetzen“, sagt Heil. In ihrer Arbeit will sie Menschen nicht mit erhobenem Zeigefinger begegnen, sondern motivieren, umwelt- und ressourcenschonend zu leben. „Es soll spürbar sein, dass ein umwelt- und klimaschützender Lebensstil auch Spaß machen kann und nicht nur aus Verzicht besteht.“

Ein junger Mann mit Kapuzenpulli und Mütze sitzt hinter einer Nähmaschine und erklärt einem älteren Mann, der neben ihm steht etwas.Karsten Fink
In der Nähwerkstatt des BUNDjugend-Projekts WE CARE AND REPAIR können Kleidungsstücke repariert werden.

Glaube in Aktion: Verantwortung für die Schöpfung

Verantwortlich zu handeln, um die Schöpfung zu bewahren, gehört für Miriam Heil zum christlichen Glauben. „Nachhaltigkeit umfasst mehr als Artenvielfalt und Klimaschutz. Es geht auch um christliche Werte wie Teilen und Tauschen, um Achtsamkeit und Solidarität gegenüber den Nächsten und der Natur.“ Um im evangelischen Dekanat noch mehr solche Projekte zu realisieren, regte sie im vergangenen Jahr die Kooperation mit örtlichen Nachhaltigkeitsinitiativen an. Entstanden ist daraus das Bündnis FAIR FRIENDS MAINZ, dem das evangelische Dekanat, die BUNDjugend Rheinland-Pfalz, das Projekt WE CARE AND REPAIR und Einzelpersonen angehören. „Es ist ein offenes Bündnis. Interessierte Gruppen und Personen, die fairen Handel und nachhaltige Entwicklung stärken wollen, dürfen sich gern anschließen“, lädt Miriam Heil ein. 

An einem Tich verteilen zwei Frauen Brote und Brötchen an mehrere Menschen.Karsten Fink
Lecker! Nachhaltiges Essen von foodsharing Mainz ergänzt das Angebot der Kleidertauschparty.

FAIR FRIENDS MAINZ will möglichst viele Menschen über die Missstände aufklären und Aufmerksamkeit für faire Produktionsketten, umweltschonende Herstellung und die Wahrung von Menschenrechten wecken. Dafür stellt die Initiative niedrigschwellige, kostenlose und an alle Generationen adressierte Aktionen auf die Beine. So animierten Aktive während der Fashion Revolution Week parallel zur kleid@night im gesamten Stadtgebiet mit Kleiderständern vor Privathäusern und Wohnungen die Bevölkerung zu Tauschaktionen. Die mobile Nähwerkstatt bot während eines Public Mending Day auf dem Kardinal-Volk-Platz gemeinsames Reparieren in der Öffentlichkeit an. In der evangelischen Pauluskirchengemeinde war ein Dokumentarfilm über nachhaltige Mode zu sehen und im Anschluss diskutierten die Gäste über das Thema. Miriam Heil ist überzeugt: „Es ist wichtig, sich in Netzwerken zusammenzuschließen. Gemeinsam kann man mehr erreichen.“