Komm mit auf die Reise durch das Jahr in der EKHN: das-jahr-ekhn.de

Wo Gemeinschaft wächst

Das GenerationenNetz Reichelsheim bringt Menschen zusammen

Wenn an einem Samstagnachmittag im Haus der Vereine in Reichelsheim Schraubenzieher klappern, Nähmaschinen rattern und über einem geöffneten Toaster fachkundig diskutiert wird, dann hat das Repair Café des GenerationenNetzes Reichelsheim seine Türen geöffnet. Einmal im Monat geht es hier um weit mehr als die Reparatur defekter Geräte. Es geht um gegenseitige Unterstützung, um Begegnung und Austausch. 

Die Nähmaschine rattert leise. Birte Undeutsch hält den Stoff fest, während die Nadel gleichmäßig ihre Bahnen zieht. Neben ihr liegt ein Kleid, das gekürzt werden soll. Ein paar Meter weiter beugt sich Henner Dietl über eine alte Messinglampe. Mit geübtem Blick prüft er Kabel und Kontakte. Auf dem Tisch vor Kurt Friedrich liegen keine Schraubenzieher, sondern Smartphones und viele Fragen: Welche App brauche ich wirklich? Ist diese Nachricht echt? Wie schütze ich meine Daten? Geduldig erklärt der Digital-Lotse, worauf man bei neuen Einstellungen achten muss. 

Auch die 85-Jährige, die alle freundlich Toni nennen, gehört zu den Gästen des Repair Cafés. Die Seniorin aus Fränkisch-Crumbach hat diesmal ein Kleid dabei, das gekürzt werden soll. Selbst nähen kann sie nicht mehr. „Ich sehe das einfach nicht mehr mit Nadel und Faden“, erzählt sie. Umso dankbarer sei sie für die Ehrenamtlichen, die sich hier engagieren. „Wo gibt es das sonst noch, dass Sachen repariert werden? Heute wird vieles viel zu schnell weggeschmissen und neu gekauft. Das ist schade.“ Für Toni ist das Repair Café mehr als eine praktische Hilfe. Denn genauso wichtig wie die Reparatur sei die Atmosphäre: „Man kommt ins Gespräch, trifft Leute und später kann man noch Kaffee trinken und gespendeten Kuchen essen.“

Zwei Frauen sitzen an einem Tisch und füllen Formulare aus im Hintergrund sind mehrere Tische und Menschen zu sehen an denen Dinge repaiert werden.Britta Jagusch
Bevor es ans Reparieren geht, wird der Auftrag am Eingang des Repair Cafés aufgenommen.

Vor rund 15 Jahren entstand das GenerationenNetz Reichelsheim aus der Frage heraus, wie der ländliche Raum lebendig bleiben kann. Junge Menschen verließen die Region für Ausbildung und Beruf, gleichzeitig veränderte sich die Altersstruktur. Gemeinsam mit der damaligen Dekanatsreferentin Annette Claar-Kreh führte die Evangelische Michaelsgemeinde die Veranstaltungsreihe „Zukunft Odenwald“ an drei aufeinanderfolgenden Abenden in Reichelsheim durch. Engagierte Bürgerinnen und Bürger aus Politik, Vereinen, Schulen und Kirchen entwickelten Ideen für die Zukunft des Ortes. Daraus entstand Schritt für Schritt ein Netzwerk, das heute viele Angebote miteinander verbindet.

„Wir müssen mit offenen Augen auf das Leben schauen und überlegen, was Menschen brauchen“, sagt Waltraud Frassine. Die 75-Jährige war als damalige Vorsitzende des Kirchenvorstands am Entstehen des Generationennetzes beteiligt. Bis heute koordiniert sie die Nachbarschaftlichen Hilfen des Netzwerkes, auch das Repair Café. Unterstützt wird sie dabei von zahlreichen Ehrenamtlichen.

Eine Frau im roten Kleid reicht einem Mann mit karriertem Hemd und Hut ein Brot im Hintergrund liegen weitere Lebensmittel auf dem TischBritta Jagusch
Marianne Frassine übergibt Lebensmittel von Foodsharing, mit der Bewegung besteht eine Kooperation.

Unter dem Dach des GenerationenNetzes, zu dem auch die Projekte der Gemeinwesenarbeit (GWA) gehören, gibt es vielfältige Aktivitäten, die von der Mary Ann Kübel Stiftung und der Evangelischen Michaelsgemeinde angeboten werden. Das sind zum Beispiel Fahrten zu Krankenhäusern und Ärzten im weiteren Umkreis im Rahmen der Nachbarschaftshilfe, Sprachkurse, Familienbildung, das Digital Café und die digitale Sprechstunde, es treffen sich Selbsthilfegruppen und es gibt Begegnungsveranstaltungen in den Räumen der Partner. Zum Netzwerk gehören zudem Beratungsangebote der Diakonie und der Bürgerbus, an dem auch die Kommunalgemeinde beteiligt ist.

Für Pfarrerin Charlotte Voss ist genau diese Verbindung entscheidend. „Die Idee war vor allem: Wie schaffen wir es, Menschen innerhalb der Kommune zusammenzubringen und Angebote miteinander zu verknüpfen?“ Besonders wichtig ist ihr dabei auch der Gedanke der Nachhaltigkeit. “Im Repair Café wird sichtbar, dass nicht alles schnell durch Neues ersetzt werden muss, sondern repariert werden kann.“

Drei Frauen sitzen an einem Tisch und in der Mitte steht eine Nähmachine, alle drei lächelnBritta Jagusch
Das Nähteam des Repair Cafés: (v.l.) Miriam Pfeifer, Gabi Zimmermann und Birte Undeutsch.

An den Nähmaschinen sitzen Ehrenamtliche wie Birte Undeutsch und Miriam Pfeifer. „Wir haben das nicht professionell gelernt, sondern machen das einfach gern und schon sehr lange.“ Miriam Pfeifer ist seit elf Jahren im Repair Café dabei. Sie kürzt Hosen, bessert Kleider aus und näht Knöpfe an. Manchmal kommen Menschen auch mit ihren eigenen Nähmaschinen vorbei, weil sie nicht wissen, wie diese funktionieren. Am Nachbartisch ist handwerkliches Wissen gefragt. Henner Dietl engagiert sich seit zehn Jahren im Repair Café. „Mein Hobby ist einfach Reparieren. Das habe ich früher schon ins Poesiealbum geschrieben“, sagt er lachend. Ob Staubsauger, Waffeleisen oder defektes Kabel: Gemeinsam mit weiteren Technikern findet er häufig eine Lösung. 

Ein Herr mit grauem Haar und Brille repariert eine goldene MessinglampeBritta Jagusch
Reparieren ist seine Leidenschaft: Henner Dietl engagiert sich seit vielen Jahren im Repair Café.

Auch der digitale Wandel gehört inzwischen zum Alltag des GenerationenNetzes. Im Digital-Café und in der digitalen Sprechstunde helfen Ehrenamtliche Menschen bei Fragen rund um Smartphone, Computer und Internet. Kurt Friedrich ist nicht nur einer der Digital-Lotsen, sondern organisiert den Einsatz der Ehrenamtlichen Fahrerinnen und Fahrer mit dem Bürgerbus. Auf Vorbestellung werden Menschen zum Arzt, zum Einkaufen oder zur Physiotherapie gebracht. Dabei ist der Bürgerbus längst mehr als ein Transportmittel. „Während der Fahrten entstehen Gespräche, manchmal werden ganze Lebensgeschichten erzählt”, sagt Kurt Friedrich. Warum sich der Ruheständler im GenerationenNetz engagiert? „Ich habe in meinem Leben viel Glück gehabt, davon möchte ich etwas zurückgeben.“

Vielleicht ist das die besondere Stärke des GenerationenNetzes Reichelsheim: Es schafft Orte, an denen Menschen füreinander da sind, ihr Wissen teilen, Zeit schenken, gemeinsam nach Lösungen suchen und Gemeinschaft erfahren.