„Wie im Urlaub!“
Mitten in Reinheim ist ein gelungenes generationsübergreifendes Zusammenleben entstanden.
Ein liebevoll renoviertes historisches Pfarrhaus wird zum neuen Zuhause für junge Erwachsene mit Unterstützungsbedarf. Ein Neubau im Garten bietet älteren Menschen eine barrierefreie Heimat.
„Bist du meine Mutter?“, fragt die 65-jährige Moni vertrauensvoll. Sie sitzt zusammen mit Ali und Jürgen am Tisch der Wohnküche im Neubau für ältere Menschen mit Beeinträchtigungen hinter dem alten Pfarrhaus in der Kirchstraße 65 in Reinheim. Neben Moni sitzen der 70-jährige Ali, der einen Turm aus Legosteinen baut, und der 72-jährige Jürgen.
„Wo wohnen wir jetzt?“, fragt Miriam Kekaj, die Leiterin der Wohngruppe, freundlich. „Im Urlaub“, antwortet Jürgen. Das mag ihm so vorkommen, denn er ist erst vor einigen Wochen aus dem Haus Arche der Nieder-Ramstädter Diakonie (NRD) in Mühltal hierhergezogen. „Vorher wohnten die Senior*innen oft zu zehnt auf einem Flur“, erzählt Kekaj. „Hier ist die Wohnsituation deutlich entspannter.“
Im barrierefreien Neubau gibt es auf drei Etagen drei Einzelzimmer mit Bad sowie ein Zweier- und ein Dreierappartement. Aus jedem Raum blicken die Bewohner*innen ins Grüne, und auch bei geöffnetem Fenster ist es ruhig. Nur die Vögel zwitschern.
Benjamin StöhrerGute Stimmung und viel Unterstützung
Kekaj und ihr Team aus acht Mitarbeitenden versorgen die Seniorinnen im Schichtdienst rund um die Uhr. Sie helfen beim Waschen und Anziehen, beschäftigen die mobilen Seniorinnen am Vormittag mit Aktivitäten wie Kochen, Backen, Basteln oder Musizieren, essen mit ihnen zu Mittag und zu Abend und verbringen den Nachmittag mit ihnen. Um 20:30 Uhr kommt der Nachtdienst.
„Ich stelle mir manchmal vor, dass ich im Alter mein Gedächtnis verlieren würde“, sagt Mitarbeiterin Yvonne. „Dann möchte ich auch gern liebevoll behandelt werden. Wir lachen auch viel mit unseren Bewohner*innen.“ Der Neubau liegt im Garten hinter dem historischen Pfarrhaus von 1906 mitten in Reinheim. Nach dem fachgerechten Umbau des denkmalgeschützten Hauses entstanden im Erdgeschoss Gemeinschaftsräume und in den oberen Stockwerken acht neue Wohneinheiten für jüngere Menschen mit Unterstützungsbedarf.
Benjamin StöhrerEiner von ihnen ist der 34-jährige Christian. Tagsüber arbeitet er im Gartenbau der Diakonie. Gegen 17 Uhr kommt er in sein neues Zuhause, steigt die schönen alten Treppen des ehemaligen Pfarrhauses zu seinem großen Zimmer hinauf und sagt mehrmals: „Ich wohne ganz oben!“ Dabei strahlt er. „Ganz oben.“ Von dort hat er einen wunderschönen Blick in die ländliche Umgebung.
Manchmal nimmt Christian am Abendessen der Seniorinnen teil. Dazu muss er nur durch den Teil des Gartens gehen, der erhalten geblieben ist. Der frisch gesäte Rasen darf noch nicht betreten werden. In der Mitte zwischen den beiden Häusern steht jedoch eine alte Tanne, um die herum noch eine Rundbank gebaut werden soll. Dort können sich schon bald Alt und Jung treffen. Bewohnerinnen, Mitarbeitende und auch Gäste sind willkommen.
Pfarrhaus wird Inklusionsprojekt
Die neuen inklusiven Wohneinheiten in Reinheim sind entstanden, weil die Kirchengemeinde Flächen abgeben musste und das alte Pfarrhaus nicht mehr der Stellensituation entsprach. Deshalb zog die Pfarrfamilie Blanco Wißmann 2022 in das neue Pfarrhaus im Erlenweg 10, das zwischen Gemeindehaus und Kita liegt.
Benjamin StöhrerYvonne Blanco Wißmann ist weiterhin Pfarrerin in Reinheim. Ihr Mann, Pfarrer Dr. Felipe Blanco Wißmann, hat den Prozess der Umnutzung seit 2018 mitgesteuert. Seit dem 1. Februar 2025 arbeitet er als Theologischer Referent der Kirchensynode am Paulusplatz in Darmstadt. „Unser Entwicklungskonzept passte sehr gut zu den Bemühungen um eine regionale Ausrichtung der NRD“, sagt Felipe Blanco Wißmann. „Um Menschen mit Beeinträchtigungen stärker ins Leben zu integrieren, schafft die Diakonie kleinere Wohneinheiten an geeigneten Orten in der Region.“
Die Kirchengemeinde Reinheim bleibt Eigentümerin des Grundstücks Kirchstraße 65, für das sie eine Erbpacht bezieht. Das historische Pfarrhaus hat sie jedoch an die NRD verkauft. „Uns als Familie und als Gemeinde verbinden viele schöne Erinnerungen mit dem alten Haus. Umso mehr freuen wir uns, dass es einen sehr guten neuen Nutzen gefunden hat“, sagt Pfarrer Blanco Wißmann. Außerdem habe die Diakonie ihn, seine Frau und den Kirchenvorstand zum Sommerfest in den Garten eingeladen. „Mal sehen, was sich daraus an neuer Gemeinsamkeit ergibt.“
Leiterin Kekaj hat der Bewohnerin Moni versprochen, heute noch mit ihr im Ort einkaufen zu gehen. Moni liebt es, kleine Kuscheltiere zu kaufen. „Wir möchten, dass die Senior*innen hier so normal wie möglich am Leben teilnehmen“, sagt die Leiterin der Wohngruppe. „Dafür ist die Kleinstadt mit ihren Cafés, Fachwerkhäusern und Einkaufsmöglichkeiten ideal.“