Waffeln mit Haltung
Wie man demokratische Werte im wahrsten Sinne des Wortes schmackhaft machen kann, erprobt die Initiative Partnerschaft für Demokratie in Mörfelden-Walldorf.
Ein verführerischer Duft verbreitet sich auf dem gesamten Rathausplatz. Verantwortlich dafür ist Kristin Flach-Köhler, die unentwegt flüssigen Teig mit einer Kelle in ein Waffeleisen schöpft. Kurz darauf holt sie die Leckerei heraus, bestäubt sie mit Puderzucker und legt sie auf einen Teller. Große Stapel bilden sich allerdings nicht. Kaum einer der Vorübergehenden kann widerstehen.
Während die Waffeln in die Mägen wandern, plaudert die Leiterin des Evangelischen Zentrums für Interkulturelle Bildung (EZIB) mit den Passanten und gibt ihnen am Ende noch etwas Nahrung für den Kopf mit auf den Weg. Es sind kleine Zettel, auf denen zum Beispiel zu lesen ist: „Ohne Demokratie gäbe es kein Streikrecht“, „In Demokratien gibt es freie Gerichte – keine willkürliche Verhaftung“ oder „Hass löst keine Probleme – Respekt schon“.
Kristin Flach-Köhler stuft die Aktion „Demokratie schmeckt – Waffeln mit Haltung“ als „hervorragenden Türöffner“ ein. „An belebten Orten wie dem Walldorfer Wochenmarkt den Menschen kostenlos Waffeln anzubieten und mit ihnen über die Bedeutung demokratischer Werte ins Gespräch zu kommen, ist niedrigschwellig und kommt ohne erhobenen Zeigefinger aus. Essen öffnet füreinander und verbindet. Alle heiligen Schriften bezeugen das an vielen Stellen.“
„Demokratie braucht Orte der Begegnung mit Menschen, die vielleicht nicht so sind wie ich.“
Kristin Flach-Köhler
Um das solidarische Zusammenleben zu stärken und demokratiefeindlichen Entwicklungen entgegenzuwirken, gründete die Stadt Mörfelden-Walldorf 2023 die Partnerschaft für Demokratie und siedelte die Fach- und Koordinierungsstelle im EZIB an.
Raus aus der eigenen Blase
„Den Anstoß gab die Zunahme rechtsextremistischer Tendenzen“, erläutert die Politikwissenschaftlerin Silvia Štajerová, die die Stelle innehat. „Die Stadt ist von Übergriffen bisher zwar verschont geblieben, doch die Projekte und Aktionen der ‚Partnerschaft für Demokratie‘ haben auch eine prophylaktische Funktion. Es geht darum, miteinander zu reden, sich zu begegnen und aus der eigenen Blase herauszukommen.“
Jule KühnPositiv Werte vermitteln
Mit der mobilen Demokratie-Küche gelingt das wunderbar. Allein die als Fahrradanhänger konstruierte Küchenzeile mit Kochmodul und Spülbecken weckt die Neugier der Menschen. Entworfen und gebaut hat sie Philipp Gempe, der in Mörfelden-Walldorf als Jugendbetreuer tätig ist und aus Leidenschaft eine kleine Schreinerei und Metallwerkstatt betreibt.
Mit der flexiblen Küche praktiziert die Partnerschaft für Demokratie Mörfelden-Walldorf seit Mitte des Jahres das Berg-Prophet-Prinzip. An öffentlichen Orten wie Spielplätzen oder dem Bahnhofsvorplatz demokratische Werte mit leckeren Waffeln zu vermitteln, begrüßt die Leiterin des städtischen Integrationsbüros Anette Keim.„Damit verkünden wir positive Botschaften. Das ist besser, als negativ auf Dinge zu blicken.“
Bei der Premiere im Mai verspeiste Lothar mit sichtlichem Genuss die fünf zu einem Kreis formierten Waffelherzen. Der 67-Jährige hat bereits eine Haltung und fühlt sich damit „im Moment noch recht geschützt“.„Man weiß aber nicht, wie sich alles weiterentwickelt. Inzwischen gibt es viel zu viele, die die demokratischen Errungenschaften attackieren. Es ist toll, dass sich Leute dafür einsetzen, sie zu erhalten. Das geschieht viel zu selten. Gerade in Deutschland sollten wir wissen, wie wichtig es ist, den Anfängen zu wehren.“
„Demokratie muss gepflegt werden und braucht die Beteiligung aller.“
Kristin Flach-Köhler
Das EZIB unterhält daher seit Jahren enge Kooperationen. Die Zusammenarbeit mit kirchlichen Einrichtungen, städtischen Stellen und zivilgesellschaftlichen Organisationen wie den OMAS GEGEN RECHTS und der Margit-Horváth-Stiftung, die in der ehemaligen KZ-Außenstelle Walldorf das Horváth-Zentrum betreibt, ist für sie eine „wunderbare Erfahrung, die ich nicht mehr missen möchte. Die gegenseitige Ergänzung potenziert sich und ist praktizierte Demokratie.“ Das funktioniert nun auch in Waffelform, wie die mobile Küche beweist.
Partnerschaft für Demokratie
2015 stieß Wolfgang Prawitz, Pfarrer für Ökumene im Evangelischen Dekanat Groß-Gerau-Rüsselsheim, die Gründung des Evangelischen Zentrums für Interkulturelle Bildung (EZIB) an. Das Zentrum ist interkulturell und interreligiös orientiert. Es versteht sich als zivilgesellschaftlicher Akteur im Sozialraum, der mit zahlreichen Angeboten Menschen gleich welchen Glaubens, Alters oder welcher Herkunft zusammenführt und miteinander ins Gespräch bringt.
Die Partnerschaft für Demokratie fördert Projekte, die Demokratie, Zusammenhalt und Vielfalt stärken und sich gegen jede Form von Extremismus wenden. Im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ finanziert das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend die Partnerschaft für Demokratie Mörfelden-Walldorf und die im EZIB angesiedelte Fach- und Koordinierungsstelle.