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Sprungbrett aus desolaten Lebensverhältnissen

Das WESER5 Diakoniezentrum ist Frankfurts größte Anlaufstelle für wohnungs- und obdachlose Menschen.

Immer wieder musste die Einrichtung der Evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach ihre Angebote den gesellschaftlichen Veränderungen anpassen. Der Wohnungsmangel hat die Mietpreise in Frankfurt in unvorstellbare Höhen getrieben. Immer mehr Menschen finden nur noch in Wohnwagen, Übergangswohnheimen und Notunterkünften eine Bleibe oder haben keinen gesicherten Mietvertrag. Der neue Leiter des WESER5 Diakoniezentrums, Henning Funk, geht von rund 10.000 Betroffenen aus. Zwischen 300 und 500 Menschen sind obdachlos und leben auf der Straße.

Diese Schieflage macht die Einrichtung gefragter denn je. Auf Wunsch der Stadt bleibt der Tagestreff Weißfrauen deshalb seit Oktober 2024 auch am Wochenende geöffnet. So sehr Henning Funk und seine Stellvertreterin Christiane Wirtz die Wochenendöffnung begrüßen, so sehr sehen sie dadurch ein bereits bestehendes Problem nochmals verschärft.

Eine Frau und ein Mann stehen in einem Treppenhaus eines Altbaus.Benjamin Stöhrer
Die neue Leitung des WESER5 Diakoniezentrums: Hennig Funk und seine Stellvertreterin Christiane Wirtz.

„Wir haben hinten und vorne zu wenig Personal. Trotz des gestiegenen Bedarfs arbeiten wir immer noch mit dem Personalschlüssel von 2017. Deshalb muss auch die Fahrradwerkstatt, in der Gäste ihre Räder reparieren oder gespendete Räder ausleihen konnten, vorerst geschlossen bleiben. Aber wir lassen uns nicht entmutigen und versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Wir würden uns nur wünschen, mehr Zeit für die Besucher*innen zu haben, weil wir dann auch fachlich bessere Arbeit machen könnten.“

Eingespieltes und engagiertes Team

Funk und Wirtz stehen Menschen in desolaten Lebenssituationen schon lange zur Seite. Bei der Stiftung Lebensräume in Offenbach taten sie dies bereits gemeinsam und unterstützten Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen im Rahmen der Eingliederungshilfe. Dort war Henning Funk als Regionalleiter tätig und Christiane Wirtz mit der fachlichen Koordination einer Tagesstätte und eines Wohnhauses mit dem Schwerpunkt Tagesgestaltung betraut.

Im Herbst vergangenen Jahres übernahm der Sozialpädagoge dann die Leitung des Diakoniezentrums WESER5. Da Christiane Wirtz sich beruflich weiterentwickeln wollte, bewarb sie sich im Januar auf die Stelle der Tagestreffleitung und der stellvertretenden Zentrumsleitung. „Wir sind ein eingespieltes Team, können uns gegenseitig gut ergänzen und weil vier Augen mehr sehen als zwei, korrigieren wir uns auch.“

Gemeinsam ist ihnen das leidenschaftliche Engagement für Menschen in Notsituationen. Henning Funk widmete sich bereits während des Studiums der Wohnungs- und Obdachlosigkeit. Nach seinem Diplom in Sozialer Arbeit absolvierte er noch den Masterstudiengang Sozialraumorientierte Wohnungslosenhilfe und ist seitdem in diesem Bereich tätig. Die gravierenden Veränderungen in diesem Bereich sind dem 46-Jährigen daher bestens bekannt.

„Früher waren die meisten Betroffenen Frankfurter Bürger*innen. Heute sind es viele geflüchtete Menschen oder Menschen aus Osteuropa. Letztere haben zwar aufgrund der EU-weiten Arbeitnehmerfreizügigkeit das Recht, nach Deutschland zu kommen. Doch wenn sie keine Arbeit finden oder von dubiosen Firmen abgezockt werden, fallen sie durch das soziale Netz.“

Eine Frau mit einer grünen Kappe und einem roten Schal sitzt am Tisch und unterhält sich mit einer anderen Frau von der man nur die Haare sieht.Benjamin Stöhrer
Aufwärmen, Ausruhen, mit anderen ins Gespräch kommen und etwas warmes Essen. Der WESER5 Tagestreff Weißfrauen bietet vieles, was beim Leben auf der Straße fehlt.

Beziehungsarbeit ist der Anfang von Erfolgsgeschichten

Für wohnungs- und obdachlose Menschen ist der Tagestreff in mehrfacher Hinsicht ein wichtiger Ort. Durch Angebote wie Frühstück, Mittagessen, Duschmöglichkeiten, Kleiderkammer, Schlafplätze, abschließbare Gepäckfächer sowie Beratung und Weitervermittlung können sie hier zum einen wesentliche Bedürfnisse abdecken. Zum anderen bietet der Tagestreff die Möglichkeit, soziale Kontakte zu pflegen.

Christiane Wirtz wundert es wenig, täglich 150 bis 200 Besucher*innen zu zählen. „40 Prozent der Frauen und Männer sind quasi Stammgäste, die hier so etwas wie ein familiäres Wohnzimmer finden. Oft sind es Menschen aus anderen EU-Ländern, die in Deutschland keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben, ohne festen Wohnsitz aber meist auch keine Arbeit finden. Das ist ein Dilemma, weil wir sie nicht in das Hilfesystem der Wohnungsnotfallhilfe vermitteln können. Für dieses Problem gibt es bisher keine adäquate Lösung und damit auch keine konstruktive Perspektive für die Betroffenen. Einige besuchen den Tagestreff dauerhaft, weil er ihnen einen Schutzraum bietet. Andere Besucherinnen kommen von außerhalb und sind den Mitarbeiterinnen unbekannt.“

„Beziehungsarbeit ist der Anfang von Erfolgsgeschichten“, weiß Christiane Wirtz, die früher als Ergotherapeutin mit psychisch kranken Menschen gearbeitet hat, bevor sie ein Bachelorstudium in Kunst und Kunstpädagogik absolvierte. „Manchmal spiele ich mit den Menschen Gesellschaftsspiele, damit sie Vertrauen fassen und ich mit ihnen ohne Druck und trotz eventueller Sprachbarrieren in Kontakt treten kann. Dann versuchen wir, sie in das bestehende Hilfesystem des Zentrums oder in andere Einrichtungen zu vermitteln.“

Zur Freude der 33-Jährigen erweist sich der Tagestreff immer wieder als Sprungbrett aus bedrückenden Lebenssituationen. „Mehrere Menschen sind als Besucher*innen gekommen und verdienen inzwischen etwas Geld in der Küche, mit Aufräumen oder Wäschewaschen. Ein Mann ist jetzt Hausmeistergehilfe bei der Diakonie, drei andere haben Arbeitsverträge bekommen und eine Wohnung gefunden.“ Sie konnten dem fatalen Teufelskreis entkommen, in dem wohnungs- und obdachlose Menschen gefangen sind: Ohne Wohnung bekommen sie keine reguläre Arbeit, ohne Arbeit und gesichertes Einkommen keine Wohnung.

Angebot anpassen und ausbauen

Die Herausforderung der Stunde ist für Henning Funk und Christiane Wirtz die personelle Aufstockung. Das betrifft den Tagestreff, das Übergangswohnhaus, die soziale Beratungsstelle und die Notübernachtungsplätze in der namensgebenden Weserstraße 5, die Straßensozialarbeit, die aufsuchende Sozialarbeit am Flughafen, die Multinationale Informations- und Anlaufstelle für EU-Bürger*innen (MIA) und das jüngste Projekt, die Arbeit mit marginalisierten Gruppen Manush (Romanes für „Mensch“).

Für all diese Projekte sind knapp 50 Mitarbeiterinnen definitiv zu wenig. So können sich etwa im Tagestreff nur noch drei Personen um die durchschnittlich 180 Besucherinnen kümmern. Wichtig ist den beiden nicht zuletzt die bessere Ausstattung des Tagestreffs und der Ausbau der Notübernachtungsplätze für den Winter. Für Letzteres haben sie bereits eine im doppelten Sinne naheliegende Lösung: Die Diakoniekirche über dem Tagestreff bietet ausreichend Platz für Schlafplätze. Henning Funk und Christiane Wirtz erarbeiten derzeit ein Konzept, das sie der Stadt vorlegen werden.

WESER5 Diakoniezentrum