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Praktische Nächstenliebe

Wer in Griesheim kurzfristig Hilfe braucht, bekommt sie schnell und unkompliziert. Dafür sorgt ein professionell organisierter Helferkreis, in dem sich Christ*innen aus verschiedenen Kirchen engagieren.

„Mir ist langweilig“, erklärte Franziska Rumpf vor etwa einem Jahr wiederholt beim Mittagstisch in ihrer katholischen Heimatgemeinde St. Marien in Griesheim bei Darmstadt. Die 89-Jährige ist zweimal Witwe geworden, hat im Osten und Westen Deutschlands gelebt, in unterschiedlichen Berufen gearbeitet und einige schöne Reisen unternommen. Doch jetzt lebt sie allein.

Auch der 72-jährigen Brigitte Biel fehlt der Kontakt zu Menschen. Ein halbes Jahr war sie nach ihrem Renteneintritt zu Hause geblieben, nun aber wollte sie unbedingt wieder etwas tun. Als ihr in ihrer evangelischen Melanchthongemeinde ein Flyer des Ökumenischen Helferkreises Griesheim in die Hände fiel, rief Biel die Organisatorin Barbara Wehrstein an. Die hörte ihr genau zu, nahm Brigitte Biel in ihr Helferteam auf und brachte die beiden Frauen zusammen.

Zwei ältere Frauen gehen eingehakt spazieren vor einem Wohnhaus.Benjamin Stöhrer

Zuhören und Koffer packen

Mittlerweile treffen sich Franziska Rumpf und Brigitte Biel regelmäßig zum Kaffee. Biel hört gern zu, wenn Rumpf aus ihrem Leben und von ihren Erfahrungen erzählt. Gemeinsam gehen sie spazieren, zu den monatlichen Seniorencafés und manchmal auch zu Festen wie dem Seniorenkarneval. „Ich bin froh, dass Brigitte etwas mit mir unternimmt“, sagt Rumpf. Manchmal hilft ihr die Neurentnerin auch ganz praktisch, etwa beim Kofferpacken für die Kur. „Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie unsere Einsätze ablaufen können“, sagt Wehrstein. „Aber wir machen noch viel mehr.“ 

Derzeit engagieren sich 58 Ehrenamtliche im Ökumenischen Helferkreis. Neben dem klassischen Besuchsdienst werden auch Begleitungen bei Ämtergängen und Fahrdienste angeboten oder kleine handwerkliche Dienste vermittelt, etwa wenn eine Schranktür klemmt oder ein Wasserhahn tropft. „Auf diese Weise binden wir auch die Männer mit ein“, sagt Wehrstein. Oft würden Reparaturanfragen nur vorgeschoben, weil sich jemand einsam fühle, erzählt sie. „Dann wissen wir, was zu tun ist.“

Lesepatin mit 87 Jahren

Auch Lesepatinnen und -paten vermittelt der Helferkreis: Sie unterstützen Kinder der 5. Klasse an der Gerhart-Hauptmann-Gesamtschule, die nicht weit von den Gemeinden entfernt liegt. Hier engagiert sich auch die älteste Ehrenamtliche des Helferkreises, die 87-jährige Renate Hannemann. Da sie auf einen Rollator angewiesen ist, kann sie nur in Klassen gehen, die ebenerdig liegen. Das hat Wehrstein für sie organisiert.

„Wir müssen da flexibel sein und die Möglichkeiten der Ehrenamtlichen mit den Bedürfnissen der Anfragenden in Einklang bringen.“ Im Durchschnitt ein- bis zweimal pro Woche ruft jemand bei der Organisatorin an und bittet um Hilfe. Barbara Wehrstein überlegt dann, wer aus ihrem Team von ehrenamtlichen Helfer*innen passen könnte. Manchmal begleitet sie die Ehrenamtlichen auch zu ihrem ersten Treffen. „Wenn es gut läuft, kann es auch ein längerer Einsatz werden.“

Zwei ältere Frauen, eine mit weißem Haar und gestreiftem Pulli und eine mit braunen längeren Haaren, stehen nebeneinander und lächeln.Jule Kühn
Marie-Theres Clüsserath (l.) unterstützt Jutta Hoyer bei allem was anfällt im Haushalt.

So wie bei Marie-Theres Clüsserath, die sich seit vielen Jahren mit seelischer, körperlicher und geistiger Kraft für andere einsetzt. „Sie ist unsere Allrounderin“, sagt Wehrstein. Clüsserath lächelt. Seit zwei Jahren unterstützt die handwerklich begabte Ehrenamtliche die 75-jährige Jutta Hoyer, die an der schweren Lungenkrankheit COPD leidet und nur noch 42 Kilogramm wiegt. Hoyer hatte große Angst vor dem Umzug aus ihrer Wohnung ins Altenwohnheim Waldeck. Doch Clüsserath half ihr, die Möbel auszumessen und zu entscheiden, welche sie mitnehmen konnte, und nähte ihr aus alten Stoffresten einen Vorhang. Seit sie im Seniorenheim lebt, geht sie einmal in der Woche mit Hoyer einkaufen. „Ich habe kein Auto mehr und bekomme an manchen Tagen sehr schlecht Luft“, sagt Hoyer. „Ich kann gar nicht sagen, wie wertvoll die Hilfe von Marie für mich ist.“

Eine Frau mit grauen Haaren sitzt zwischen zwei Menschen am Tisch und spricht, dabei gestikuliert sie mit ihren Händen. Jule Kühn
Bei Barbara Wehrstein laufen die Fäden zusammen. Sie organisiert die Einsätze und bringt Helfende und Hilfesuchende zusammen.

Christliches Selbstverständnis

Neben den bewährten Kräften gibt es aber auch vier neue Helfer*innen, die mit einem Grundkurs an vier Abenden auf ihr Ehrenamt vorbereitet werden. Dabei beschäftigen sich die vier Neuen mit ihrer Motivation und ihren Möglichkeiten zu helfen, mit Nähe, Distanz und Grenzen, lernen etwas über Demenz und den Umgang mit anderen Lebenswelten oder Kulturen. „Es geht auch darum, wie man sich selbst stärken kann, um gegebenenfalls eine schlechte Stimmung aufzuhellen“, sagt Wehrstein. „Unser Selbstverständnis ist ja christlich und wir können das weitergeben, was wir selbst am Glauben als stärkend empfinden.“ Das könne ein Gebet sein, ein Segen, ein Kirchenlied oder der Psalm 23.

„Wir drängen den Menschen nichts Religiöses auf, sind aber vorbereitet, wenn sie es wünschen.“ Die gute Betreuung der ehrenamtlichen Helfer*innen ist Wehrstein wichtig. Vor dem ersten Einsatz werden die neuen Ehrenamtlichen gesegnet, nach dem Einsatz können sie von ihren Erfahrungen berichten. Fortbildungen gehören ebenso zum Programm wie Supervision alle zwei bis drei Monate. Daran nehmen auch der Leiter der Telefonseelsorge Darmstadt und eine Psychologin teil. Bei diesen Austauschrunden können sich die Ehrenamtlichen nicht nur Rat holen, sondern lernen auch andere Ehrenamtliche kennen und es entsteht eine Gemeinschaft. Geselliger Höhepunkt und ein herzliches Dankeschön ist der gemeinsame Ausflug einmal im Jahr.

Kostenlos, kurzfristig, ökumenisch

Entstanden ist die Idee zum Ökumenischen Helferkreis vor rund zehn Jahren in der Melanchthongemeinde. Schnell war klar, dass eine Gemeinde allein einen Helferkreis nicht stemmen kann. Die katholische Nachbargemeinde St. Marien musste nicht lange überzeugt werden und auch zwei freikirchliche Gemeinden ließen sich für die praktische Nächstenliebe begeistern.

Nach einer professionellen Sozialraumanalyse stand fest: Eine kostenlose, kurzfristige und punktuelle Hilfe für die Menschen in Griesheim ist erforderlich, und zwar unabhängig von deren Religion oder Kirchenzugehörigkeit. Eine Konkurrenz zu bereits bestehenden (kommerziellen) Angeboten sollte dabei vermieden werden.

Das Leitungsgremium, dem die beiden Pfarrpersonen der evangelischen und katholischen Gemeinden sowie Barbara Wehrstein und ihr Mann Marcus angehören, entwickelte einen Leitfaden. Die ökumenische Zusammenarbeit gestaltet sich unkompliziert und vertrauensvoll. Die Melanchthongemeinde betreut die Website, St. Marien verwaltet das Spendenkonto.

Ökumenischer Helferkreis Griesheim