Miteinander für den Stadtteil
Mit vielfältigen Angeboten und Projekten sorgt das Kinder- und Beratungszentrum Sauerland für ein besonderes Gemeinschaftsgefühl.
Im Wiesbadener Wohngebiet Sauerland herrscht eine ganz eigene, entspannte Atmosphäre. Die Straßen säumen Bäume, Hecken und Grünflächen, auf vielen Wegen fahren keine Autos, nirgendwo liegt achtlos weggeworfener Müll auf dem Boden. Vor allem aber überrascht die Freundlichkeit der Menschen. Bei Begegnungen grüßen sie sich und plaudern oft ein wenig. All das ist zum Großteil dem Kinder- und Beratungszentrum Sauerland (KBS) zu verdanken.
„Das KBS wird von vielen als Heimat und Familie begriffen“, sagt die Geschäftsführerin Christine Gilberg. „Wir schauen, was im Stadtteil gebraucht wird, und richten unsere Angebote danach aus. Dabei unterstützen wir die Menschen nicht nur, sondern bringen sie auch zusammen, fördern den Gemeinschaftsgeist und entwickeln den Stadtteil weiter.“ Für Jung und Alt gibt es maßgeschneiderte Angebote. Ein Beispiel ist die Beschäftigungsinitiative Sauerland (BIS).
Jule KühnFür die Menschen und den Stadtteil
Die vor mehr als 25 Jahren gegründete BIS vermittelt Langzeitarbeitslosen Ein-Euro-Jobs in der Garten- und Landschaftspflege sowie im Hausmeisterservice. Dass sie im Stadtteil unter anderem die Grünanlagen und Wege in Schuss halten, ist für den Leiter Jan Matous eine „absolute Win-win-Situation“. „Die Beschäftigten fühlen sich wertgeschätzt, sind froh, wieder etwas Sinnvolles zu tun und sich weiterqualifizieren zu können. Die Bewohner*innen sind dankbar für den gepflegten und sauberen Außenbereich.“ Die Auftraggeber sind die Wohnungsbaugesellschaften und Entsorgungsbetriebe, die zur Freude des Diplompädagogen die Finanzierung übernehmen, da die BIS ohne Zuschüsse auskommen muss.
Ebenso einzigartig in der Gemeindelandschaft dürften die beiden Beratungsstellen sein. Der Sozialpädagoge Lukas Heun hat eine Weiterbildung zum Schuldnerberater absolviert und unterstützt nun Menschen in herausfordernden Lebenslagen.„Aufgrund der großen Nachfrage müssen sie mit einer Wartezeit von zwei bis drei Wochen rechnen. Wenn es aber brennt, wie etwa bei einer Räumungsklage, schiebe ich die Leute ein.“
Die Pädagoginnen Petra Ebeling und Tanja Vitucci bieten den Menschen im Viertel soziale Beratung an. Zweimal in der Woche helfen sie im Quartiersbüro Sauerland bei Behördenkorrespondenzen, Anträgen auf Bürgergeld oder der Befreiung vom Rundfunkbeitrag und vielen anderen Dingen. Stets ist auch ein Hausmeister der Wohnungsbaugesellschaften für Reparaturbedarfe und sonstige Wohnungsfragen vor Ort.
Benjamin StöhrerOberster Grundsatz: „Unser Netz trägt“
Was die Pfarrerin der Erlösergemeinde 1969 mit einer Lern- und Spielstube für Kinder der Wohnungslosensiedlung Wachsacker angestoßen hat, baute die Gemeinde im Laufe der Jahre sukzessive weiter aus. Das ist bis heute so geblieben. Anfang 2025 gründete die Gemeinde in Kooperation mit dem Verein für Bildungs- und Kulturarbeit FRESKO ein Lerncafé für Menschen, die nicht lesen und schreiben können. Ziemlich neu sind auch die in Zusammenarbeit mit Foodsharing und der Wohnungsbaugesellschaft aufgestellten „Fairteiler“ sowie das Urban-Gardening-Projekt „Essbares Sauerland“. Die Finanzierung der Obst- und Gemüsepflanzen übernehmen das KBS und die Wohnungsbaugesellschaften.
Die große Bandbreite der Aktivitäten schreibt die stellvertretende Geschäftsführerin Petra Ebeling den weit verzweigten Kooperationen zu. „Das KBS ist im Wohngebiet mit den Einrichtungen freier und städtischer Träger, mit Vereinen und den Wohnungsbaugesellschaften sehr gut vernetzt. Um zu erfahren, was fehlt und was wir deshalb ergänzen sollten, laden wir alle Kooperationspartner und die hier wohnenden Menschen viermal jährlich zur ,Sauerlandrunde‘ ein.“ Das letzte Treffen besiegelte einen Wunsch der Bewohner*innen, der sich Mitte Juni erfüllte: ein großes inklusives Bodentrampolin im öffentlichen Raum.
Gemeinschaftliches Leben fördern
Hanna ist seit 16 Jahren in der Siedlung zu Hause. Sie sagt: „Ohne das KBS kann ich mir das Leben in Sauerland nicht mehr vorstellen. Die Angebote sind super und alle Mitarbeiter*innen völlig aufgeschlossen.“ Das hat sie nicht nur am eigenen Leib erfahren, sondern auch als Mutter von vier Kindern. Sie fühlt sich dem KBS sehr verbunden. Die 43-Jährige engagiert sich daher im Café MamBa, einem Kurzwort aus den Anfangssilben der Wörter „Mama“ und „Baby“, des Kinder-Eltern-Zentrums KiEZ. Dort erhalten Eltern kostenlose Unterstützung bei Erziehungsfragen und lernen bei Ausflügen und Freizeiten, in den Deutsch- und Yogakursen oder den Vater-Kind-Angeboten des Elterncafés andere Mütter und Väter kennen.
Menschen zusammenzubringen, ist auch die treibende Kraft hinter dem 50-plus-Angebot. Die multikulturelle Runde trifft sich regelmäßig im Gemeindezentrum, um gemeinsam zu kochen und zu essen, zu plauschen und zu spielen, und sie bereitet Feste wie den Sankt-Martins-Umzug mit vor. Einmal in der Woche findet zudem ein generationenübergreifender Mittagstisch mit Jugendlichen statt. Für Petra Ebeling, die das Angebot gemeinsam mit Zuzana Karaffova organisiert, ist dessen Stellenwert offensichtlich.
„Das Angebot hat schon so einige der Einsamkeit entrissen, Freundschaften entstehen lassen und für Beistand gesorgt. Eine Besucherin nimmt zum Beispiel einer gehbehinderten Seniorin die Einkäufe ab, eine andere bringt ihre Tochter mit Downsyndrom mit, die das Beisammensein am großen Tisch genießt. Es ist wie auf dem Dorf, wo die Leute sich gegenseitig helfen“, sagt Ebeling und ergänzt mit einem Lachen: „50 plus geht bei uns bis 102.“
Benjamin StöhrerOhne Zwang Potenziale entfalten
Die Kindertagesstätte und das Jugendzentrum Trafohaus bilden die altersmäßigen Gegenpole. Letzteres ist bei den Zehn- bis 18-Jährigen ein gefragter Ort. Es bietet unter anderem Mittagessen, Hausaufgabenhilfe, Sport- und Freizeitaktivitäten, Ausflüge in die Umgebung und Sommerfreizeiten an. Der elfjährige Gottfried, der zuvor in Paris lebte, ist vom Trafohaus begeistert. „Ich habe hier in einem halben Jahr supergut Deutsch gelernt und das Essen ist immer sehr lecker.“ Auch die zehnjährige Irena ist begeistert: „Ich mache hier Hausaufgaben und viele andere Sachen und habe hier auch meine beste Freundin gefunden.“
Um die Ecke liegt eine Kindertagesstätte mit einem offenen pädagogischen Ansatz. Die Mitarbeiter*innen in der Kita unterstützen die angeborene Lust am Ausprobieren, Erkunden und Lernen bei den einjährigen Krippenkindern ebenso wie bei den bis zu sechsjährigen Kindergartenkindern. „Es gibt keine festen Gruppen, sondern nur Bildungs- und Funktionsbereiche. Die Kinder können jederzeit frei entscheiden, wo und mit wem sie spielen oder was sie lernen wollen“, erklärt die Leiterin Cornelia Kusch-Krawiec das Prinzip des offenen Konzepts. Dazu gehören auch zwei bis drei Stunden im Garten jeden Tag. Hier können sich die Kinder austoben, Pflanzen erkunden oder die von einer kleinen Maschine in die Luft gepusteten Seifenblasen fangen.
Jule KühnGelebte Nächstenliebe
„Neugierig zu bleiben, bereit zu sein, Neues zu tun und dazuzulernen“, das hat für Christine Gilberg in allen Lebensphasen Priorität. Sie kam vor 23 Jahren ins KBS, war in allen Bereichen tätig und kann heute sagen: „Ich weiß, wie wertvoll es ist, für unterschiedliche Dinge verantwortlich zu sein und über den eigenen Bereich hinauszublicken. Dadurch erreicht man sowohl viele als auch ganz unterschiedliche Menschen.“ Die Angebote der Einrichtung vergleicht die Geschäftsführerin deshalb mit „gelebter Nächstenliebe“. „Es geht um menschliche Nähe, um ein Miteinander, bei dem alle so sein können, wie sie sind.“ Diese KBS-Kultur vermitteln vor allem die 50 Mitarbeiter*innen.
Dass die am Gemeinwesen orientierte Arbeit der Einrichtung den Zusammenhalt stärkt und dem Viertel Vorbildcharakter verleiht, ist auch dem Wiesbadener Magistrat nicht entgangen. Die von städtischer Seite bekundete Wertschätzung bestätigt das wegweisende Engagement des KBS und sichert auch dessen Finanzierung. „Die Kommune hat mit uns vieles weiterentwickelt und realisiert und trägt den Löwenanteil der Kosten“, weiß Christine Gilberg. Sie räumt aber gleich ein: „Ohne die Zuschüsse der EKHN müssten wir unsere Angebote einstellen.“ „Diese kirchliche Verantwortung ist finanziell und inhaltlich ein elementarer Baustein unserer Arbeit. Sie prägt unser Selbstverständnis und unser Wirken im Stadtteil für die Menschen.“