Kraft schöpfen in den eigenen vier Wänden
Erstmals seit 16 Jahren gibt es in Offenbach wieder Apartments für wohnungslose Frauen
Die Nachfrage war da, noch bevor das neue Gebäude überhaupt eröffnet wurde: Bereits vor dem Einzug ins Diakoniezentrum Gerber 15 fragten wohnungslose Frauen nach den neuen Apartments. Seit der Eröffnung des fünfgeschossigen Neubaus im August 2025 sind die vier Plätze für Frauen dauerhaft belegt. Für die Bewohnerinnen bedeutet das mehr als nur ein Dach über dem Kopf – es ist die Chance, zur Ruhe zu kommen und eine neue Perspektive zu entwickeln.
„Die Frauen kommen hier zur Ruhe, und sie können Kraft schöpfen“, sagt Thomas Quiring, Leiter des Diakoniezentrums Gerber 15. Erstmals seit 2009 gibt es in Offenbach wieder ein spezielles Wohnangebot für wohnungslose Frauen. Die bisherigen Unterbringungsmöglichkeiten seien oft unzureichend gewesen.

Wohnungslosigkeit bei Frauen bleibe häufig unsichtbar, erklärt Quiring. „Frauen kommen immer irgendwo unter. Das sind aber nicht unbedingt die sichersten oder besten Unterkünfte.“ Viele übernachteten bei Bekannten oder seien auf problematische Abhängigkeiten angewiesen. „Wenn man beim Kumpel schläft, muss man vielleicht auch gewisse Dienstleistungen vollbringen, die man gar nicht möchte“, beschreibt er die Realität vieler betroffener Frauen. Anders als Männer seien wohnungslose Frauen seltener auf der Straße anzutreffen – ihr Hilfebedarf werde deshalb oft übersehen.
Die vier Apartments im Mathildenviertel bieten deutlich mehr Privatsphäre als frühere Unterkünfte. Statt Mehrbettzimmern oder Wohngemeinschaften stehen den Bewohnerinnen eigene Apartments mit Küche und Bad zur Verfügung. Die Wohnungen sind zwischen 25 und 30 Quadratmeter groß und vollständig ausgestattet. „Es sind echte Apartments mit eigener Küche, eigenem Bad und eigener Waschmaschine“, sagt Quiring. „Früher waren es Einzel- oder Doppelzimmer mit Gemeinschaftsküche und Gemeinschaftsbad. Konflikte waren da oft vorprogrammiert.“ Vier Apartments im Haus sind zudem barrierefrei gestaltet.
Bis zu zwei Jahre können die Frauen dort wohnen. In dieser Zeit werden sie von Sozialarbeiterinnen begleitet. Ziel ist es, finanzielle Stabilität zu erreichen und anschließend in eine eigene Wohnung umzuziehen. Die Lebensgeschichten der Bewohnerinnen sind dabei sehr unterschiedlich: Einige haben häusliche Gewalt erlebt, andere verloren trotz Arbeit ihre Wohnung, wieder andere kämpfen mit sozialen oder psychischen Belastungen.
Dass der Bedarf groß ist, zeigte sich unmittelbar nach der Eröffnung. „Ende August sind wir eingezogen – und die vier Frauenplätze waren sofort voll“, berichtet Quiring. Das Diakoniezentrum ist die einzige Einrichtung in Offenbach, die wohnungslosen Frauen und Männern im Rahmen der Hilfen nach § 67 SGB XII neben einer Unterkunft auch eine intensive sozialarbeiterische Begleitung anbieten kann. „Das große Ziel ist, dass die Menschen ihren Lebensunterhalt wieder selbst sichern und anschließend in eine eigene Wohnung ziehen können.“
Tanja BotthofNeben dem Frauenbereich verfügt das Diakoniezentrum über 20 Apartments für Männer sowie elf sogenannte Clearingbetten – acht für Männer und drei für Frauen. Menschen in akuten Notlagen können dort vorübergehend unterkommen. Gemeinsam mit den Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern werden in dieser Zeit erste Schritte für eine langfristige Perspektive entwickelt – von der Beantragung von Leistungen bis zur Wohnungssuche. „In den ersten Tagen geht es vor allem darum, gemeinsam die nächsten Schritte zu klären“, sagt Quiring. „Wir schauen, welche Unterstützung notwendig ist, welche Anträge gestellt werden müssen und wie es weitergehen kann. Dass die Menschen in dieser Zeit auch etwas zur Ruhe kommen, ist ein wichtiger positiver Nebeneffekt.“
Ergänzt wird das Angebot in den Wintermonaten durch eine Winternotübernachtung. Von Dezember bis März stehen dort zwölf Plätze für Menschen zur Verfügung, die sonst bei Kälte im Freien übernachten müssten. Sie erhalten für die Nacht einen sicheren Schlafplatz und können am nächsten Morgen den Tagesaufenthalt mit seinen Dusch- und Waschmöglichkeiten sowie weiteren Unterstützungsangeboten nutzen. Das Angebot richtet sich an Männer, Frauen und diverse Menschen.
Tanja BotthofAuf rund 2.000 Quadratmetern vereint das neue Diakoniezentrum verschiedene Angebote der Wohnungsnotfallhilfe unter einem Dach. Finanziert wird das Gebäude von der Stadt Offenbach und dem Landeswohlfahrtsverband Hessen. Rund um die Uhr ist die Einrichtung besetzt und damit die einzige Anlaufstelle der Wohnungsnotfallhilfe in Offenbach, die an jedem Tag des Jahres erreichbar ist.
Der Bedarf an Unterstützung wächst nach Einschätzung Quirings weiter. Bezahlbarer Wohnraum sei kaum zu finden – insbesondere für Menschen, die Bürgergeld beziehen oder bereits Schulden haben. „Die Hürden sind enorm. Schon einen Besichtigungstermin zu bekommen, ist oft schwierig“, sagt er. Viele Vermieterinnen und Vermieter stünden einer Vermietung an Leistungsbeziehende skeptisch gegenüber.
Susanne Schmidt-LüerFür Quiring ist das neue Gebäude ein wichtiger Fortschritt. „Die Apartments und Clearingbetten werden dringend gebraucht“, sagt er. Nun gehe es darum, das Haus mit Leben zu füllen. Bereits zu Gast waren die Barber Angels, Krimiautor Thorsten Fiedler sowie die Ahmadiyya Muslim-Gemeinde, die Essen spendete. In der Teestube gibt es ein Frühstücksangebot sowie weitere kulturelle und soziale Veranstaltungen. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagt Quiring.