Gut vorbereitet auf schwere Einsätze
Mit berufsethischem Unterricht ist die Polizeiseelsorge auch im Studium von Polizist*innen präsent.
Hannah* und Lena* sind 22 Jahre alt. Seit dem 1. Februar 2025 arbeiten die jungen Frauen bei der Schutzpolizei im Streifendienst. Hannah in Langen, Lena im 1. Polizeirevier in Frankfurt. Während ihres dualen Studiums an der Hessischen Hochschule für öffentliches Management und Sicherheit (HöMS) haben sie Polizeipfarrerin Barbara Görich-Reinel kennengelernt. Die Polizeiseelsorgerin ist Lehrbeauftragte für berufsethischen Unterricht auf dem Campus in Mühlheim am Main.
Wichtige Entscheidungen schnell treffen
„Wir arbeiten zwar auf getrennten Dienststellen, haben aber beide in den ersten Monaten schon viel erlebt“, sagt Hannah. „Es gab viele erste Male. Und auch wenn wir in unseren Praktika schon Erfahrungen gesammelt haben, ist es trotzdem etwas anderes, jetzt mit voller Verantwortung tätig zu sein. Da ist man ganz vorn mit dabei und wir müssen mit wenig Erfahrung die richtigen Entscheidungen treffen.“ „Oft merkt man erst, wenn man es erlebt hat, wie emotional man auf bestimmte Situationen reagiert, zum Beispiel Unfälle, Verletzungen oder Todesfälle“, sagt Lena. „Aber wir wurden gezielt darauf vorbereitet.“
Britta JaguschHannah und Lena erinnern sich noch gut an den berufsethischen Unterricht im vierten Semester: „Da haben wir uns sehr viel mit dem Thema Tod beschäftigt und damit, wie man Todesnachrichten überbringt. Das ist eine sehr besondere Situation“, sagt Hannah. „Du kommst in eine Familie, in der noch alles in Ordnung ist, und dann verändert sich durch diese eine Mitteilung auf einmal alles.“
Der berufsethische Unterricht hat beiden Handlungssicherheit gegeben. „Wenn man weiß, welche Fragen von Angehörigen aufkommen können, kann man sich darauf einstellen.“ Auch Lena hat schon eine solche Situation erlebt und ergänzt: „Als ich das erste Mal eine Todesnachricht überbracht habe, war ich schon angespannt. Aber ich habe mich sicher gefühlt, auch durch den Unterricht, und konnte die Person so weit auffangen, dass nichts eskaliert ist.“
Grenzerfahrungen geübt begegnen
Der Umgang mit dem Tod, mit Leiden, Sterben, Suizid und Sterbehilfe ist nur ein Teil des berufsethischen Unterrichts. Auch die Themen Sucht, Mobbing, sexuelle Belästigung, Korruption sowie interkulturelles Kompetenztraining und Organisationsethik der Polizei gehören dazu. „Berufsethisches Denken ist eine Art Prävention und somit auch eine seelsorgerische Tätigkeit“, sagt Görich-Reinel. „Es geht um gelingende Kommunikation und Interaktion, besonders in Grenzerfahrungen. Oft müssen Entscheidungen getroffen werden, die unter Umständen riskant sind, für Betroffene und Polizist*innen.“
Nach welchen Kriterien entscheide ich in bestimmten Situationen? Ist es mein Gewissen? Ist es das Bauchgefühl, die Intuition? Welche Folgen hat mein Handeln? Das sind Fragen, die im berufsethischen Unterricht praxisnah thematisiert werden. Auch die Auseinandersetzung mit Gewaltanwendung ist ein Thema, das Polizeipfarrerin Görich-Reinel im Unterricht aufgreift.
„Da geht es um das Überschreiten von Grenzen, wenn man jemandem Schmerzen zufügen muss oder eine Wohnung gegen Widerstand betritt. Das sind Schwellen, die mit Eingriffsrechten zu tun haben. Das macht etwas mit den beteiligten Personen.“ Auch Lena und Hannah haben solche Situationen erlebt.
„Ich konnte mir das vorher nie richtig vorstellen. Das ist mir erst in der Praxis bewusst geworden. Ich fand das schon heftig. Es wäre gut, wenn wir das Thema Gewaltanwendung noch stärker mit dem Einsatztraining verbinden würden, denn nur darüber zu sprechen, ist nicht so intensiv, wie die Situation zu durchleben.“
Praxistraining für gefährliche Situationen
Peter BongardAuch Görich-Reinel wünscht sich noch mehr interdisziplinäre Einheiten. „Wenn wir mit Dozentinnen aus anderen Bereichen zusammenarbeiten, vermitteln wir Inhalte noch intensiver. Wir haben gute Erfahrungen bei der Notintervention gemacht. Das wird nicht nur inhaltlich besprochen, sondern auch in der Praxis trainiert. Das sind Situationen, in denen möglicherweise geschossen werden muss und in denen Polizistinnen selbst in großer Gefahr sind, zum Beispiel bei Amoktaten.“
Hannah erinnert sich noch gut an eine Szene aus dem Einsatztraining. „Da ist dieser Körpereinsatz, an den man sich gewöhnen muss. Und bei der Vorstellung, jemanden körperlich anzugreifen, habe ich erst mal gesagt: Das kann ich einfach nicht.“ Aus Sicht der Seelsorgerin sind das Momente, die bearbeitet werden müssen. „Die Menschen brauchen Begleitung, aber es ist auch ein Stück Prävention. Sie durchleben Szenen und besprechen sie.
Dabei kommen auch Irritationen zur Sprache, damit sie in der Praxis besser damit umgehen können.“ Auch die Übungen zum Umgang mit unterschiedlichen Kulturen sind Hannah und Lena gut in Erinnerung geblieben. „Wir haben ein Bewusstsein dafür entwickelt, wie man auf verschiedene Kulturen reagiert, und auch dafür, welche Vorurteile man mitbringt.“ Görich-Reinel ist ebenfalls davon überzeugt, dass eine kritische Auseinandersetzung mit Rassismus stärker in den Fokus rücken muss.„Wir ver suchen spielerisch, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, damit Polizist*innen möglichst vorurteilsfrei in Situationen gehen.“
Britta JaguschMit Leidenschaft zum Dienst gehen
Trotz aller Herausforderungen und Gefahren sind Hannah und Lena überzeugt, den richtigen Job gewählt zu haben. „Ich habe mich nie in einem Bürojob gesehen“, sagt Hannah. „In mir war immer der Drang, viel Action um mich herum zu haben, und das Studium hat da gut gepasst.“ An den Schichtdienst im Streifendienst muss sich die junge Polizistin allerdings noch gewöhnen. „Den Schlaf muss man takten. Man arbeitet zwölf Stunden nachts. Das ist schon herausfordernd, aber auch unglaublich spannend.“
Beide schätzen die Vielschichtigkeit des Polizeiberufs. „Das Tolle ist, dass man sich weiterentwickeln kann. Es gibt sehr viele Möglichkeiten innerhalb der Polizei.“ Was sich beide wünschen: „Manchmal vergessen die Menschen, dass wir auch Menschen sind. Es wäre schön, wenn da mehr Respekt wäre“, sagt Lena. Hannah nickt: „Ja, einfach auch den Menschen hinter der Uniform sehen, mehr Akzeptanz und Vertrauen, dass nicht alles, was wir tun, hinterfragt wird. Wir machen unseren Job und tun das Beste im rechtlichen Rahmen und entsprechend unseren Werten. Es ist uns sehr wichtig, dass wir das, was wir tun, auch vor uns selbst vertreten können.“
Die Namen der Polizistinnen wurden von der Redaktion geändert.
Barbara Görich-Reinel war seit 2022 Leitende Polizeipfarrerin der EKHN. Am 1. Oktober 2025 wurde die Langenerin in den Ruhestand verabschiedt.