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Ein Leben an der Orgel

Seit 72 Jahren spielt Otto Peter in Groß-Eichen die Orgel. Nun wurde der leidenschaftliche Organist in den Ruhestand verabschiedet.

Seit 72 Jahren ist der Platz von Otto Peter auf der Orgelempore in Groß-Eichen. 72 Jahre – ein Zeitraum, in dem Kinder geboren wurden, erwachsen wurden, selbst Kinder bekamen und inzwischen vielleicht schon Enkel haben. Menschen, die Otto Peter als Organisten bei ihrer Taufe erlebt haben, saßen später bei ihrer Konfirmation wieder vor ihm, heirateten mit seiner Musik und kamen Jahre oder Jahrzehnte später zu den Taufen ihrer eigenen Kinder. Nun wurde der 83-Jährige aus Altersgründen in einem Gottesdienst aus seinem Dienst als Organist verabschiedet. Und plötzlich wurde spürbar, was diese Zahl eigentlich bedeutet: 72 Jahre. Ein ganzes Leben an der Orgel. 

Mit elf Jahren begann alles

1954 setzte sich Otto Peter erstmals an die Orgel in Groß-Eichen. Er war gerade elf Jahre alt. Dass aus diesem Jungen einmal ein Organist werden würde, hatte der damalige Pfarrer Walter Weinandt offenbar früh erkannt. Otto konnte bereits Klavier und Akkordeon spielen. Klavierunterricht hatte er schon mit acht Jahren bekommen. Von da an gehörte die Musik zu seinem Leben – und die Orgel zum Sonntag. 

Später, als er den landwirtschaftlichen Betrieb seiner Familie übernommen hatte, gehörte auch das morgendliche Melken zu seinem Sonntagsablauf: erst in den Stall, danach in die Kirche. Die Orgel wartete. Und Otto Peter kam. Es blieb nicht bei der Kirchenmusik. Otto Peter spielte Akkordeon und Klavier, musizierte bei Festen, Geburtstagen und Stammtischen und war mit seiner kleinen Tanzkapelle „Triveros“ unterwegs. Auch in Gießen trat die Gruppe regelmäßig auf. 

Gleichzeitig wurde Otto Peter zu einem leidenschaftlichen Chorleiter und prägte über Jahrzehnte mehrere Chöre in der Region. Er leitete unter anderem den Gesangverein Groß-Eichen, den Männergesangverein Bobenhausen und Germania Lauter. Über viele Jahre war er damit nicht nur der Mann an der Orgel, sondern ein musikalischer Mittelpunkt weit über den eigenen Ort hinaus. Seine musikalische Ausbildung vertiefte er sogar am Dr. Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt. Doch so vielfältig seine musikalische Welt war: Sonntagmorgen war Groß-Eichen. 

Im Kirchenraum stehen fünf Menschen und ein Mann sitzt auf dem Rollator. Drei Stehende halten ein großes Bild fest auf dem eine Orgel abgebildet istPatrica Luft
Ein besonderes Geschenk des Kirchenvorstands: Eine Decke mit dem Bild der Groß-Eichener Orgel.

„Otto ist kein Organist. Otto ist Inventar.“

Pfarrerin Kerstin Kiehl fand bei der Verabschiedung dafür ein Bild, das wohl kaum treffender sein könnte. „Otto ist kein Organist. Otto ist Inventar.“ Die Gemeinde lachte – und wusste sofort, was damit gemeint war. Denn Otto Peter hat in diesen 72 Jahren nicht einfach Gottesdienste musikalisch begleitet. Er hat die Geschichte einer ganzen Gemeinde mitgetragen.

Acht Pfarrerinnen und Pfarrer hat er in dieser Zeit erlebt. Er hat unterschiedliche Zeiten, unterschiedliche Vorstellungen und unterschiedliche kirchliche Veränderungen mitgemacht. Er spielte bei Taufen und Konfirmationen, bei Trauungen und Beerdigungen, an Weihnachten und Ostern. Er spielte in kalten Kirchen und auf aufgeheizten Emporen. Er erlebte Reparaturen und Restaurierungen der Orgel und sogar die Zeit, in der das Instrument vollständig ausgebaut war. Und immer wieder saß Otto Peter an der Orgelbank.

Wenn ein Pfarrer einmal zu schnell war, musste Otto musikalisch hinterher. Wenn jemand zu langsam war, konnte ein dezenter Registerwechsel schon einmal daran erinnern, dass die Gemeinde auch noch da war. Vor allem aber konnte Otto Peter etwas, das längst nicht jeder kann: spontan reagieren. Wenn ein Lied zu hoch oder zu tief gesetzt war, transponierte er es einfach. Mehrere Kreuze oder Bes – kein Problem. Auch die Tatsache, dass die Groß-Eichener Orgel etwas höher gestimmt ist, brachte ihn nie aus dem Takt. Musik war für ihn nie bloß das Abspielen von Noten. Sie musste funktionieren – für die Gemeinde, für den Gottesdienst, für den Moment.

EIn Blick von der Empore in den Kirchenraum, man sieht Kirchenbänke und Menschen, die darin sitzen.Patricia Luft
72 Jahre blickte Otto Peter von der Orgelempore in den Kirchenraum.

„Das ist Verkündigung“

Genau darin liege die besondere Bedeutung seines Dienstes, sagte die stellvertretende Dekanin des Evangelischen Dekanats Gießener Land, Pfarrerin Sarah Kiefer. „Ein ganzes Leben an der Orgel – Wahnsinn!“, sagte sie. Sie dankte Otto Peter im Namen des Dekanats für 72 Jahre, in denen er Menschen begleitet und die Botschaft des Evangeliums musikalisch erfahrbar gemacht habe. Ein Choral stehe eben nicht nur auf Papier, sagte Kiefer. Durch die Musik könne er ins Herz gehen. „Das ist Verkündigung, nicht nur Musik.“

Denn Kirchenmusik ist nicht nur eine Frage von Noten, Taktzahlen und Registerzügen. Sie ist Erinnerung: Ein Lied, das bei der eigenen Konfirmation erklungen ist. Eine Melodie bei der Hochzeit. Ein Choral bei der Beerdigung eines geliebten Menschen. Ein Weihnachtslied, das seit Jahrzehnten dazugehört. Wenn derselbe Mensch diese Musik über Generationen hinweg spielt, wird er selbst Teil dieser Erinnerungen.

Älterer Mann mit karriertem Hemd sitzt in grüner KirchenbankPatrica Luft
Zum ersten Mal in der Kirchenbank und nicht an der Orgel: Otto Peter bei seiner Verabschiedung.

72 Jahre – und was davon bleibt

Als Otto Peter 1954 mit elf Jahren an der Orgel begann, konnte niemand wissen, was daraus einmal werden würde. Wie viele Gottesdienste folgen würden, wie viele Menschen er begleiten würde, wie viele Choräle durch seine Hände gehen würden, wie viele Kinder einmal vor ihm stehen und später mit ihren eigenen Kindern wiederkommen würden. Und wahrscheinlich hätte sich damals auch niemand vorstellen können, dass dieser Junge 72 Jahre später an derselben Orgel verabschiedet werden würde.

„Was für eine Treue“, würdigte Sarah Kiefer seinen jahrzehntelangen Dienst. Denn Otto Peter war da: Sonntag für Sonntag, Jahr für Jahr. Er hat seine musikalische Begabung über Jahrzehnte für andere eingesetzt – für die Kirche, für die Gemeinde und für die Menschen, die zu ihr gehören. Das zeigt auch, was Kirche ausmacht: Gemeinschaft, Verlässlichkeit und Menschen, die ihre Gaben einbringen. Menschen, die da sind – über viele Jahre hinweg. In Groß-Eichen war das 72 Jahre lang Otto Peter. Nun darf er selbst entscheiden, wann er wieder an die Orgel möchte. Er darf noch. Aber er muss nicht mehr.