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Dem Verlust eine Sprache geben

Wie Sternenzelt trauernde Kinder und ihre Familien begleitet.

„Ich denke lieber an die schönen Erinnerungen“, sagt Jonas. „Daran, wie wir zusammen Sport gemacht haben oder an gemeinsame Ausflüge.“ An seinen Vater Thomas erinnert sich der heute 13-Jährige vor allem so. Nicht an die Tage im Krankenhaus, sondern an die vielen gemeinsamen Momente davor. Dass er heute mit einem Lächeln von seinem Vater erzählen kann, ist nicht selbstverständlich. Vor fast zwei Jahren Jahren starb Thomas völlig unerwartet nach einem schweren Schlaganfall. Jonas war damals zwölf Jahre alt. 

Am 2. November 2024 fährt Ruth mit ihrem Sohn zum Tag der offenen Tür seiner Schule. Auf der Rückfahrt ruft sie ihren Mann an. Seine Stimme klingt ungewohnt. „Ich fühle mich irgendwie komisch. Ich sehe nicht richtig. Mir ist schwindelig.“ Die gelernte Intensivkrankenschwester reagiert sofort und bringt ihren Mann ins Krankenhaus. Dort stellen die Ärzte ein ein Blutgerinnsel fest. Thomas erleidet einen schweren Schlaganfall. Trotz einer Notoperation stirbt er wenige Tage später.

Für seine Frau beginnt eine Zeit, die sie heute nur noch bruchstückhaft in Erinnerung hat. Gespräche mit Ärzten, Entscheidungen, auf die man nicht vorbereitet ist, und die bange Frage, wie sie ihrem Sohn erklären soll, was gerade geschieht. „Das war zunächst keine Trauer, ich war traumatisiert und konnte keinen klaren Gedanken fassen”, sagt die 44-Jährige. Sie möchte vor allem Jonas vor Leid bewahren und überlegt, ihn von der Verabschiedung seines Vaters fernzuhalten. Doch im Krankenhaus rät ihr eine Oberärztin davon ab. Heute ist sie dankbar für diesen Rat. Jonas kann sich von seinem Vater verabschieden und Fragen stellen.

Eine Kinderhand macht mit Farbe einen Abdruck auf einem HolzsargSternenzelt
Kinder profitieren davon, wenn sie Möglichkeiten bekommen, sich zu verabschieden und den Verlust zu begreifen. Das kann bedeuten, eine Zeichnung in den Sarg oder zur Urne zu legen oder Erinnerungsstücke auszuwählen.

„Begreifen kommt vor Trauern“, sagt Claudia Vormann, Leiterin von Sternenzelt, einer Einrichtung der evangelischen Familienbildung Main-Taunus, die trauernde Kinder und ihre Angehörigen im Rhein-Main-Gebiet begleitet. „Kinder brauchen ehrliche, altersgerechte Antworten und die Möglichkeit zu verstehen, was passiert ist. Aus Liebe wollen Erwachsene Kinder oft schützen. Doch sie brauchen die Chance, Abschied zu nehmen und das Geschehen einzuordnen.“ Im Krankenhaus erhält die Mutter einen Flyer von Sternenzelt. Einen Tag nach dem Tod ihres Mannes greift sie zum Telefon.

„Heute weiß ich, dass das einer der wichtigsten Anrufe meines Lebens war.“ Wenige Tage später kommen zwei Trauerbegleiterinnen zu der Familie – eine unterstützt die Mutter, die andere begleitet Jonas. „Es saß plötzlich jemand an unserem Tisch, der Ruhe ausgestrahlt hat“, erzählt Ruth. „Jemand, der wusste, was gerade mit uns passiert.“ Neben der Trauer gibt es auch viele existenzelle Fragen: Können wir hier wohnen bleiben? Wie hoch ist der Kredit für das Haus? Reicht ein Verdienst aus? „Das hat mir viel Angst gemacht“, sagt Ruth. Denn um die Finanzen hatte sich bisher Bankmanager Thomas gekümmert.

 

„Wenn ein Elternteil stirbt, trauert nicht nur das Kind, sondern das gesamte Familiensystem gerät aus dem Gleichgewicht.“

Claudia Vormann, Leiterin von Sternenzelt

Für Claudia Vormann beginnt Trauerbegleitung daher immer bei der ganzen Familie. „Wenn ein Elternteil stirbt, gerät das gesamte Familiensystem aus dem Gleichgewicht. Die verstorbene Person wird vermisst, gleichzeitig können finanzielle Sorgen entstehen, ein Umzug notwendig werden oder andere Veränderungen im Alltag folgen. Deshalb schauen wir zunächst: Was braucht diese Familie, um wieder Stabilität zu gewinnen“, sagt Vormann. „Kinder orientieren sich an den Erwachsenen. Wenn diese wieder Schritt für Schritt Sicherheit gewinnen, kann auch für die Kinder ein neuer Alltag entstehen.”

Mit der Zeit lernt die Familie, dass Trauer nicht bedeutet, den Verstorbenen aus dem eigenen Leben zu verbannen. Erinnerungen bekommen ihren Platz. Fotos werden angeschaut, Geschichten erzählt und gemeinsame Momente bewahrt. „Wir haben gelernt, Thomas mitzunehmen“, sagt die Mutter. „Nicht festzuhalten, sondern ihm einen Platz in unserem Leben zu geben.“  Für Claudia Vormann ist genau das ein wichtiger Teil der Trauerbegleitung. Es gehe nicht darum, den verstorbenen Menschen loszulassen und zu vergessen. „Kinder brauchen die Möglichkeit, ihre Verbindung zu Mama oder Papa weiterzuführen“, sagt sie. Erinnerungen, Erzählungen und persönliche Gegenstände könnten dabei helfen. Gerade für Kinder und Jugendliche sei die Frage wichtig: Was habe ich von diesem Menschen mitbekommen? Was bleibt von ihm in meinem eigenen Leben?

Auch Jonas findet seinen eigenen Weg durch die Trauer. Er besucht regelmäßig die Trauergruppe von Sternenzelt für Jugendliche. Dort trifft er andere junge Menschen, die ebenfalls einen Elternteil verloren haben. „Ich muss da nichts erklären“, sagt Jonas. „Die anderen wissen einfach, wie das ist.“

„In unseren Gruppen treffen sich Kinder und Jugendliche mit ähnlichen Erfahrungen. Das entlastet und stärkt.“

Claudia Vormann
Kinder bemalen eine große Pappe, die auf einem Tisch liegt mit verschiedenen Farben.Sternenzelt
Die Gruppen bei Sternenzelt bieten Rituale, kreative Angebote und gemeinsame Gespräche. Die Kinder gestalten zum Beispiel Erinnerungsorte für die verstorbene Person, arbeiten mit Geschichten, Rollenspielen oder kreativen Materialien.

„Für Kinder und Jugendliche ist diese Erfahrung besonders wertvoll“, erklärt Vormann. Sie erleben: Ich bin nicht allein. Andere kennen ähnliche Gefühle und verstehen, warum manche Situationen schwer sind. Das könne entlasten und neue Sicherheit geben. „Trauer bei Kindern sieht oft anders aus als bei Erwachsenen“, erklärt Vormann. „Kinder weinen nicht immer, wenn sie traurig sind. Sie spielen, lachen und gehen ihren Alltag weiter – und plötzlich kann die Trauer wieder ganz präsent sein.“ Vormann beschreibt diese Momente als „Trauerpfützen“. „Kinder tauchen manchmal für einen Moment ganz tief in ihre Trauer ein und gehen danach wieder zurück in den Alltag.“

Beides darf sein. Traurig sein und lachen. Vermissen und schöne Momente erleben. Wütend sein und trotzdem Freude empfinden. Für Ruth ist es eine wichtige Erkenntnis, dass sie ihren Sohn nicht vor jeder schmerzhaften Erfahrung bewahren kann. Aber sie kann ihn begleiten. Das zeigt sich auch im Alltag der Familie. Jonas geht weiterhin zur Schule, hält an vertrauten Abläufen fest und findet Stabilität in kleinen Ritualen. Gleichzeitig darf er über seinen Vater sprechen, Fragen stellen und auch schwierige Gefühle zulassen. „Papa wäre stolz auf dich“, sagt seine Mutter manchmal zu ihm. Oder: „Wie schön wäre es gewesen, wenn Papa das noch erlebt hätte.“

Früher wären solche Sätze kaum möglich gewesen. Heute gehören sie zu ihrem gemeinsamen Leben. Die Mutter blickt dankbar auf die Unterstützung zurück, die sie und ihr Sohn erfahren haben. Sternenzelt habe ihnen geholfen, Worte für das Unbegreifliche zu finden und einen Umgang mit dem Verlust zu entwickeln. 

„Am Ende bleibt vor allem Dankbarkeit“, sagt Ruth. „Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit mit Thomas, für die Erinnerungen und ganz besonders für die Menschen, die uns in dieser schweren Zeit begleitet haben.“ 

(Die Namen der Familie wurden zum Schutz ihrer Privatsphäre geändert.)

Sternenzelt

Sternenzelt ist ein Angebot der Evangelischen Familienbildung Main-Taunus und begleitet Familien aus der gesamten Rhein-Main-Region nach dem Tod eines Elternteils. Die Angebote sind für die betroffenen Familien kostenfrei. Wer die Arbeit von Sternenzelt fördern möchte, kann dies unkompliziert und sicher über die Homepage von Sternenzelt tun.